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Oscar Ghiglia

Oscar Ghiglia

Oscar Ghiglia ist ein Mensch, der sich nicht in den Mittelpunkt drängt. Das dürfte auch der Grund sein, warum er immer relativ selten auf der Bühne zu sehen ist.

Was ein Verlust für uns als Publikum, denn schon beim Anhören seiner frühen Aufnahmen ist man bezaubert von der Schönheit und Musikalität seines Spiels. Und heute, in seinen reifen Tagen, hat er eine Tiefe des Musikverständnisses erreicht, deren Anziehungskraft man sich nur schwer entziehen kann.

 

Geboren wurde O. Ghiglia am 13. August 1938 in Livorno, Italien, in eine Familie von Malern. Das Werk seines Großvaters, das vor allem von französischen Stilrichtungen beeinflusst wurde, findet sich heute in zahlreichen Privatsammlungen.

Seine Mutter war eine ausgezeichnete Pianistin und bemühte sich in ihm die Liebe zum Klavier zu entfachen. Doch in seinen Augen war es: „zu laut, zu quadratisch, zu weiß oder zu schwarz, eben irgendetwas.“ 1 Jedenfalls spielte er so schlecht, dass sie schlussendlich aufgab und Oscar sich der Malerei widmen konnte.

 

Denn durch das Vorbild seines Vaters und Großvaters schien es ihm nur natürlich, dass er in ihre Fußstapfen trat. Bis zu seinem dreizehnten Lebensjahr schien es sein einziger Wunsch zu sein, Maler zu werden und er dachte anscheinend nie daran, Gitarre zu spielen.

Es war sein Vater, der ihn mit der Gitarre in Berührung brachte. Selbst ein begeisterter Hobbymusiker, der sich selbst zu sardinischen Volksliedern begleitete, dürfte er den Grundstein für die spätere Begeisterung des kleinen Jungen gelegt haben. Auf jeden Fall brach das Feuer der Begeisterung aus, als er ihn eines Tages mit einer Gitarre in der Hand für ein Gemälde posieren ließ.

Ohne Schmerz oder Bedauern gab er die Malerei auf und widmete sich fortan ausschließlich der Musik, seiner lebenslangen Leidenschaft.

 

Nachdem er sich, dem Vorbild seines Vaters folgend, einige Jahre autodidaktisch der Gitarre gewidmet hatte, beschloss seine Mutter, dass er eine solide musikalische Ausbildung bräuchte.

Zu seinem Glück öffnete 1954 das erste italienische Konservatorium seine Pforten, das Santa Cecilia´s Conservatory in Rom.

Es gab zwar noch nicht die Möglichkeit eines Abschlusses, aber Ghiglia lernte dort das ganze Repertoire der klassischen Gitarre kennen, vor allem ihre Lehrwerke und Etüden.

 

1957 wechselte er nach Siena in die Klasse von A. Segovia und wurde im ersten Jahr von A. Diaz unterrichtet.

„Er war ein sehr guter Lehrer, der uns viele Türen geöffnet hat, besonders in Bezug auf Klang und Ton.“ 

In den nächsten Jahren wurde er von Andrés Segovia unterrichtet, der für viele Jahre seine wichtigste Inspirationsquelle blieb.

 

 

„Ich denke, ich war ein Alptraum für ihn. Ich hatte lange Haare und einen Bart, der begonnen hatte, sich zu kringeln.“ 1

 

 

Nach dem Ende seines Studiums gewann er mehrere wichtige Preise, unter anderem den ersten Preis des internationalen Gitarrenwettbewerbs des französischen Rundfunks in Paris.

Durch diesen Sieg erhielt er auch ein Stipendium an der Schola Cantorum in Paris und die Möglichkeit, bei Jacques Chailley Musikgeschichte zu studieren.

 

Gleichzeitig besuchte er einen Meisterkurs bei I. Presti und A. Lagoya.

„Als wir diese wundervollen Rubati hörten, stockte uns der Atem. Wir würden solche Dinge nie wagen. Sie waren absolut verboten.“ 1

 

Von ihnen lernte er auch, Musik in Worte zu fassen. A. Segovia hatte die Methode Dinge auf der Gitarre zu zeigen und durch sein Vorbild zu wirken.

Presti und Lagoya hingegen verstanden es, über Musik zu sprechen und dadurch die Dinge ins Bewusstsein zu rücken. Genau das, was auch Ghiglia heute bei seinen Schülern versucht.

 

Neben seinem Wirken auf der Bühne war ihm vor allem die Weitergabe seines Wissens wichtig. Daher gibt es heute sehr wenige bekannte Gitarristen, die nicht in seinen Dunstkreis gerieten und von seinem Unterricht profitierten.

Das erste, was er seinen Studenten beizubringen versucht ist, ihre „Ohren zu öffnen.“ 1  Das heißt, die Musik nicht so zu spielen wie sie es sich vorstellen, sondern nach dem zu formen, was sie hören. Denn das in seinen Augen Wichtigste ist und bleibt immer die reale Hörerfahrung.

 

Trotzdem achtet er sehr stark auf die Regeln, die jeder Musiker beherrschen muss und weiß um ihre Bedeutung.

Das drückt sich etwa in seinen Worten zum Notentext aus: „Ich versuche den Schülern beizubringen die Musik zu lieben. Die Noten und die Partitur wie einen magischen Ball zu betrachten und mit ihrem Verstand alle Wahrheiten in ihnen zu entdecken, anstatt einen bestimmten Ansatz, eine bestimmte Art des Spiels über die Musik zu stülpen. Der Ansatz kommt aus den Noten. Die Noten sagen uns, welche Art von Ansatz der richtige ist.“ 1

 

 

Doch ganz abgesehen von seinem Einfluss als Lehrer ist er ein wunderbarer Musiker, von dem es leider viel zu wenige Aufnahmen gibt. Doch das wenige das wir von ihm haben gibt uns ein Bild von einem ganz Großen unserer Zeit.

 

„Er ist nicht nur ein raffinierter und aufmerksamer Musiker mit einer beeindruckenden Technik, sondern auch als einer der bedeutendsten Lehrer seiner Generation anerkannt.“ 2

 

 

Weitere Interpretationen von Oscar Ghiglia auf diesem Blog: Interpretenportrait, Sonata Romantica


1 Guitar Interviews: The best from „Classical Guitar“
2 New Grove Directionary of Music and Musicians

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