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Die Geschichte der Gitarre

Die Geschichte der Gitarre

Die Geschichte der Gitarre ist eine Geschichte voll mit Brüchen und Umwegen, dem Versinken in Vergessenheit und ihrem Wiederaufleben in kleinen Zirkeln begeisterter Enthusiasten. Weit davon entfernt eine Erfolgsgeschichte zu sein wie etwa die Historie der Violine oder des Klaviers ist sie doch wert, sich mit ihr zu beschäftigen und ins Bewusstsein einer breiteren Öffentlichkeit getragen zu werden.

 

Denn neben ihrer interessanten Geschichte besitzt sie eine wunderbare und reichhaltige Literatur, vor allem, wenn man auch die Werke ihr verwandter Instrumente wie Vihuela oder Laute betrachtet.

Außerdem ist sie eines der wandlungsfähigsten Instrumente und wie alle echten Volksinstrumente passt sie sich immer dem Zeitgeschmack und jedem neuen Stil an, sei es nun der Flamenco oder Jazz und Blues.

Aber trotz alledem, die klassische Gitarre stand immer im Schatten anderer Instrumente und musste seit ihrer Erfindung um ihren Platz in der Musikwelt kämpfen.

 

Leopoldina Zanetti Borzino, Genoa at the Giardino Durazzo al Zerbino

Eine ihrer direkten Vorgängerinnen, die Laute, hatte es leichter. Sie war in der Renaissance und noch lange danach eines der beliebtesten und meistgespielten Instrumente.

Aber am Ende des Barock änderte sich der Musikgeschmack. Vereinfacht gesagt setzte sich anstelle der kontrapunktisch dichten Schreibweise eine Art des Komponierens durch, die eine dominante Oberstimme mit einfacher Begleitung bevorzugte.

Hierfür eigneten sich die Melodieinstrumente Violine oder Flöte weit besser. Durch die Verbesserung dieser Instrumente verstärkte sich auch ihre Lautstärke, wodurch Klavier und Orchester die bevorzugten Begleiter wurden.

 

Die Laute hingegen konnte sich nicht an den veränderten Geschmack anpassen und so verschwand sie fast vollständig aus dem Musikleben.

Jetzt wäre eigentlich die Zeit reif gewesen für die Gitarre. Aber durch die schon angedeuteten Veränderungen des Zeitgeistes die ihrem Wesen diametral entgegenstanden hatte sie keine Chance.

Nichtsdestotrotz entwickelte sie sich allmählich zu einem Soloinstrument. Und auch, wenn sie immer in der Rolle eines Außenseiters verblieb, verschwand sie nie ganz aus dem Musikleben.

 

 

Das hatte damit zu tun, dass es immer Musiker gab die dieses Instrument virtuos beherrschten und sich ihre Kompositionen selbst in die Hand schrieben. Und die durch ihr Spiel und ihr Wirken die Gitarre immer wieder ins Bewusstsein einer breiteren Öffentlichkeit trugen.

 

Wie sich die Gitarre entwickelte, was die Vorformen der Zupfinstrumente waren und warum die Laute einen derartigen Stellenwert hatte, auf diese und andere Fragen werde ich in späteren Beiträgen eingehen. Heute will ich nur einen kurzen Überblick über die wichtigsten Strömungen seit der Wiener Klassik geben und zeigen, wieso die Gitarre heute, trotz aller Probleme, noch nicht aus unseren Konzertsälen verschwunden ist.

 

 

Wie schon gesagt waren es immer einzelne Persönlichkeiten die die Entwicklung der Gitarre vorantrieben und sie im Bewusstsein einer breiten Öffentlichkeit verankerten.

Es gibt zwei Strömungen die die heutige Gitarristik beeinflussen.

 

Die zwei Hauptrichtungen der klassischen Gitarre:

Da wäre zum einen die italienische Schule, angestoßen durch den Italiener Mauro Giuliani, der sich um 1800 in Wien niederließ und den Einwohnern der deutschsprachigen Länder das erste Mal zeigte, wozu die Gitarre fähig ist.

Und zum anderen ist es die spanische Schule die den stärksten Einfluss bis heute hat, weil es eine direkte Linie von F. Sor über F. Tarrega bis herauf zu A. Segovia gibt, der mit seinem Wirken ein neues Kapitel in der Geschichte der Gitarre der heutigen Zeit aufschlug.

 

M. Giuliani muss eine ungemein einnehmende Persönlichkeit besessen haben und sowohl ein außerordentlicher Musiker wie ein glänzender Virtuose gewesen sein. Denn wenn man in alten Zeitungen blättert dann sieht man, wie er wie ein Meteor plötzlich am Kunsthimmel auftaucht und mit seinem Spiel sofort die Herzen aller Zuhörer eroberte.

Schon bald nachdem er sich in Wien niedergelassen hatte zog er alle Aufmerksamkeit auf sich, wurde zum musikalischen Held des Tages und erlebte mehr Ruhm und erntete mehr Gold als irgendein Gitarrespieler vor oder nach ihm.

Er erhob sein Instrument auf eine erstaunliche Höhe technischer Vollkommenheit, und er sicherte ihm auch durch seine Werke ein dauerndes Bestehen und eine Weiterentwicklung.

Als überragende Persönlichkeit unter seinen Zeitgenossen und Mitspielern fand er natürlich viele Nachahmer, und mehrere Generationen haben von seinen Werken gezehrt.

Aber das Instrument war nicht tief genug in der Bevölkerung verwurzelt und daher blieb es trotz seines Wirkens und der Bemühungen seiner Nachfolger wie Molitor, Diabelli oder Mertz ohne längerfristige Wirkung. Stattdessen verschwand die Gitarre wieder in der Bedeutungslosigkeit aus der sie Giuliani geholt hatte.

 

Anders war das in Spanien, dem Land, in dem die Gitarre am frühesten heimisch wurde und wo sie bis heute das Nationalinstrument ist.

Ihre Blütezeit begann mit dem Begründer der modernen spanischen Schule, dem Gitarrevirtuosen Dionisio Aguado. Sein Einfluss wird meist unterschätzt, aber er bereitete das Feld vor über dem sich dann leuchtend der Stern Fernando Sors erheben konnte.

Mit diesem Virtuosen und Komponisten erlebte die Gitarre den Höhepunkt ihrer bisherigen Entwicklung. Man nannte ihn auch den „Beethoven der Gitarre“, nicht, weil seine Kompositionen an Beethovens Werke heranreichen, sondern weil er als Komponist weit über allen Zeitgenossen stand.

Was sicher viel mit seiner Ausbildung zu tun hatte. Denn anders als die meisten Gitarristen seiner Zeit genoss er eine profunde Ausbildung die im Kloster Montserat erhielt wo er zum Musiker erzogen wurde und nicht nur zu einem Spezialisten des Instruments. Er lernte die Musik auf der Grundlage der Kirchenmusik kennen und komponierte Zeit seines Lebens nicht nur Werke für Gitarre, sondern auch Opern, Ballettmusik und Ähnliches mehr.

Das bemerkt man auch an seinen Werken für die Gitarre. Ihr polyphoner klassischer Stil, die reiche Erfindungsgabe und die flüssige musikalische Linie erheben sie weit über alles was bis dahin für die Gitarre geschrieben wurde.

 

Die spanische Schule der sechssaitigen Gitarre hat somit ihre vornehmsten Vertreter in ihren beiden großen Meistern Aguado und Sor. Ein volles Jahrhundert hat sie von dem gezehrt, was diese beiden Meister hinterließen.

Die nachfolgende Generation hatte dem Wirken dieser beiden nichts hinzuzufügen und so verschwand die Gitarre auch in Spanien aus dem öffentlichen Bewusstsein, wenn auch durch ihre Verwurzelung in der Bevölkerung die Tradition nie ganz unterbrochen wurde.

 

Das zeigte sich auch am Wirken des Wegbereiters der modernen klassischen Gitarre, des Spaniers Francisco Tarrega. Er erlernte sein Spiel vor allem an den Schulen Aguados und Sor.

 

 

Tarrega ist das Vorbild all jener, denen die Sache wichtiger ist als der äußere Erfolg. Er war ein Grübler, ein Enthusiast, der sein Instrument, die Gitarre, abgöttisch liebte und sein Leben für sie hingab. Unablässig suchte er nach neuen Wegen, wie man die Gitarre spielen konnte, wie man Werke anderer Instrumente für sie transkribieren konnte.

Und er befasste sich auch mit der Form der Gitarre. So sehr, dass er zusammen mit dem Gitarrenbauer Antonio Torres die heute gültige Form der Gitarre schuf mit ihrem großen Korpus und ihrem Volumen, dass sie endlich auch für größere Konzertsäle geeignet machte.

Mit ihm setzte eine neue Blütezeit ein. Er wirkte auf eine Generation von Gitarrespielern die in seinem Geiste erzogen wurde und seine Lehrmethode und seine Werke in der ganzen Welt verbreiteten.

 

Einer, der nie sein direkter Schüler war, aber dessen Technik trotzdem auf seiner fußt, war der Spanier Andres Segovia.

Autodidakt auch er bildete er sein Virtuosentum vor allem am Werk Sors und Tarrega aus. Aber anders als letzterer war er ein extrovertierter Mensch der innerhalb von wenigen Jahre die Konzertsäle der Welt eroberte und die Gitarre wieder ins Licht der Öffentlichkeit trug.

All das, was wir heute unter klassischer Gitarre verstehen, die Art der Solokonzerte und das Repertoire, ihre Rolle in der heutigen Musikwelt, ihre Bedeutung als Soloinstrument, ihre Stellung in unserer Welt haben wir vor allem der Arbeit dieses einen Mannes zu verdanken.

 

 

Nicht nur, dass er unablässig als Botschafter der Gitarre tätig war regte er auch zahlreiche Komponisten an, Werke für die Gitarre zu schaffen. So haben wir das Glück, das in der ersten Hälfte des 20. Jhdt. eine Unzahl an wunderbaren Werken für Gitarre geschaffen wurde.

Nach seinem Tod gab es eine Unmenge an weiteren bedeutenden Interpreten, die aber nicht mehr seine Alleinstellung erringen konnten. Zu erwähnen sind etwa J. Bream, J. Williams oder N. Yepes. Barrueco.

 

 

Wie sieht es heute aus?

Heute steht die Gitarre wieder an einem Scheideweg. Nach wie vor, vielleicht sogar mehr als zu jeder anderen Zeit, gibt es eine unglaubliche Anzahl an großartigen Interpreten. Aber trotzdem verschwindet die Gitarre wieder aus den Konzertsälen und aus dem Bewusstsein der Menschen.

Aber diesmal ist die Krise breiter, denn nicht nur die klassische Gitarre hat eine Krise zu erleben, sondern die gesamte klassische Musik ist in einer Krise. Oder, besser gesagt, die gesamte Kultur der westlichen Welt ist in einer selbstverschuldeten Krise. Mehr dazu auch auf meinem Kulturblog: Der Leiermann.

Und es stellt sich die Frage, ob sich unsere Kultur erholen kann oder ob sie sich zu stark verändert hat.

 

Und es erhebt sich natürlich die Frage, was in Zukunft die Rolle der klassischen Gitarre sein wird? Ob sie wieder zu einem Instrument für Liebhaber wird. Oder ob sie, vielleicht noch schlimmer, nur in Rockbands und als leicht spielbares Instrument bei Jugendlichen überlebt.

Vergessen um die Schönheit dessen, was sie uns zu sagen hat. Nur noch ein matter Abglanz auf alten Aufnahmen, aber nicht dort, wo sie so wichtig wäre, auf der Bühne und den Konzertsälen dieser Welt.

 

Oder wird wieder jemand wie A. Segovia erscheinen und das Ruder noch einmal herumreißen?

Wie ich schon anderswo sagte, die Geschichte ist niemals festgeschrieben und wir sind gerade dabei sie zu formen. Und vielleicht kommt es gerade, von der breiten Masse unbemerkt, zu einer neuen Hochblüte der klassischen Gitarre.

Es wäre uns zu wünschen.

 

 

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