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Narciso García Yepes

Narciso García Yepes

Die Legende

 Ein spanischer Jahrmarkt, Anfang der 1930er Jahre. Mit leuchtenden Augen steht ein kleiner Junge inmitten des Trubels und kann seinen Blick nicht von einer alten Gitarre losreißen. Bis sein Vater herantritt, eine warme Hand auf seine Schultern legt und dem Verkäufer zunickt.

Und endlich, jetzt hält er sie in seinen Armen!

Fortan wird der kleine Junge drei Mal die Woche auf einen alten Esel gesetzt, meilenweit in die nächste Stadt geführt und dort das knappe Geld für seinen Unterricht ausgegeben.

Fast scheint es, als würde der Vater ahnen, dass aus dem schmächtigen Jungen einmal einer der größten Gitarristen seines Jahrhunderts werden sollte.

 

So oder so ähnlich hebt die Legende um Narciso García Yepes an, jenes Musikers, der gerne in einem Atemzug mit A. Segovia und M. Llobet genannt wird. Doch anders als bei den beiden waren die Kritiker bei der Bewertung seines Spiels selten einer Meinung.

 

Die einen schwärmten von seiner klaren, unromantischen Art:

„… sein Spiel zeichnet sich durch eine Klarheit der Details aus.“ 1

„Wir betrachten Yepes als den umfassendsten Gitarristen unserer Zeit.“ 2

„… seine Interpretationen sind solide aufgebaut und werden nicht von der geringsten Spur von Gefühl beeinflusst.“ 3

 

Aber man liest auch Worte wie:

„… sein Spiel hat wenig von der Verfeinerung, die englische Zuhörer mit der klassischen Gitarre verbinden.“ 4

„Yepes kann in seinen pedantischen Interpretationen einiger Stücke geradezu unmusikalisch sein.“ 5

„Yepes scheint oft entschlossen, diese Musik weder aufregend noch romantisch zu machen.“ 6

 

Denn im Gegensatz zu dem ewigen Spätromantiker A. Segovia versuchte er, einen nüchternen Interpretationsansatz in die Gitarrenwelt zu bringen.

Was ihm auch gelang: „… wir haben endlich eine echte Abkehr vom Segovia-Spielstil, kein Echo.“ 7

 

Aber wer war er wirklich, dieser Mann mit den starken Gläsern, der mit seiner zehnsaitigen Gitarre die Bühnen dieser Welt im Sturm eroberte?

Wer war der Musiker, der eine Abkehr vom Segovia Stil einleitete und versuchte, die Gitarre als ein ernstzunehmendes Mitglied der Instrumentenfamilie zu etablieren?

 

Die Geschichte des N. Yepes

Wenn man sich mit N. Yepes und seiner Art, die Gitarre zu spielen beschäftigt, kommt man nicht umhin, einen Blick auf seine musikalische Herkunft und die Art seiner Ausbildung zu werfen.

 

Seinen ersten Unterricht bekam er mit sechs Jahren von Jesús Guevara in Lorca, einer kleinen Stadt im Süden Spaniens. Bedingt durch den Spanischen Bürgerkrieg zogen seine Eltern 1936 nach Valencia, was ihm die Möglichkeit gab, bereits im Alter von zwölf Jahren ein Studium am dortigen Konservatorium zu beginnen.

Er besuchte Kurse in Musiktheorie und Komposition, fand dort jedoch keinen Lehrer für Gitarre.

Stattdessen kam er in die Klasse von Vicente Asencio, einem Pianisten, der keine hohe Meinung von der Gitarre hatte. In seinen Augen war sie kein Instrument, das man ernst nehmen konnte, da es auf ihr nicht möglich war so schnell und legato zu spielen wie auf einem Klavier oder einer Geige.

„Wenn man so nicht spielen kann“, sagte er zu Yepes, „dann musst Du ein anderes Instrument lernen.“

 

Verbissen begann Yepes zu üben und brachte es schließlich so weit, die Grenzen der traditionellen Technik zu überwinden. Als er seinem Lehrer das erste Mal Klavierskalen auf der Gitarre vortrug, meinte dieser lakonisch: „Also ist es auf der Gitarre möglich. Jetzt spiele im selben Tempo in Terzen, dann in chromatischen Terzen.“

Allan Kozinn bemerkte zu dieser Lehrmethode: „Dank Herrn Asencios Anstachelung lernte Yepes die Musik so zu spielen, wie er es wollte, nicht wie es ihm die Grenzen der Gitarre vorschrieben.“

 

Seine Freizeit verbrachte der junge Yepes mit verschiedenen Flamenco-Sängern, was ihm half, seine Technik und sein rhythmisches Gefühl zu verbessern und ihm wichtige Anreize für seine späteren Interpretationen spanischer Werke gab.

 

Nach Abschluss des Konservatoriums reiste er nach Madrid, um dort Unterricht bei J. Rodrigo zu nehmen. Dort war es auch wo er 1947 mit dem „Concierto de Aranjuez“ debütierte.

Der Abend wurde zu einem solch überwältigenden Erfolg, dass er bald darauf begann, durch Italien, Deutschland und Frankreich zu touren. Während dieser Zeit war es in erster Linie ihm zu verdanken, dass dieses Werk so populär wurde.

 

 

1950, nach einem Auftritt in Paris, begann er ein Studium bei dem Geiger George Enescu und dem Pianisten Walter Gieseking. Wieder war es kein Gitarrestudium im üblichen Sinne, sondern eine Erweiterung seiner Kenntnisse in Bezug auf die Musik und die Möglichkeiten ihrer Interpretation.

Hier war es auch, wo er Maria Szumakowska kennenlernte, eine junge Philosophiestudentin und Tochter des polnischen Botschafters. Sie heirateten 1958 und hatten drei Kinder, Juan de la Cruz, Ignacio Yepes, (Orchesterleiter und Flötist) und Ana Yepes (Tänzerin und Choreografin).

 

Es war auch das Jahr, in dem er die für ihn bedeutendste transzendente Erfahrung hatte. Als er sich eines Abends über das Geländer einer Pariser Brücke lehnte und beobachtete, wie die Seine vorbeiströmte, hörte er unerwartet eine Stimme, die ihn fragte: „Was machst du?“

Ein Vierteljahrhundert lang war er ein Ungläubiger gewesen überzeugt davon, dass es keinen Gott oder ein Jenseits gab.

Aber diese Frage, die er als einen Ruf Gottes verstand, veränderte seine Überzeugungen und er wurde für den Rest seines Lebens zu einem frommen Katholiken.

 

1952 bekam er den Auftrag die Musik für den Film „Verbotene Spiele“ (Jeux interdits) von René Clement zu schreiben. Er arrangierte und spielte sie selbst und hatte damit einen durchschlagenden Erfolg.

 

 

Zehnsaitige Gitarre

Bedingt durch seine ungewöhnliche Ausbildung war er es gewohnt Musik abstrakt, ohne die Begrenzung der Gitarre zu denken und fühlte sich bald durch ihre Form eingeschränkt.

So suchte er nach Wegen, dieses Dilemma zu lösen und fand sie, indem er sich 1964 eine 10-saitige Gitarre bauen ließ.

Dadurch erweiterte er nicht nur den Tonumfang des Instruments und passte die Gitarre an seine Wünsche an, sondern er begann auch mit der Transkription von Werken, die ursprünglich für die Barocklaute geschrieben waren.

Seit dieser Zeit tourte er durch alle bewohnten Kontinente und spielte in mehr als hundert Konzerten pro Jahr.

 

Neben seinem Leben als reisender Virtuose war Yepes auch ein bedeutender Gelehrter. Seine Forschungen zu vergessenen Handschriften des 16. und 17. Jahrhunderts führten zur Wiederentdeckung zahlreicher Werke für Gitarre oder Laute. Er war auch der erste, der die gesamten Lautenwerke Bachs auf historischen Instrumenten aufnahm.

Nebenbei beschäftigte er sich intensiv mit der Geschichte der Gitarre und veröffentlichte wenig bekannte Kompositionen aus der Zeit der Renaissance und des Barock.

 

Trotz seiner zahlreichen Kritiker war Yepes ein weltweit anerkannter Musiker, der viele Ehrungen erhielt, darunter die spanische Goldmedaille für Kunst, verliehen von König Juan Carlos I.

Er war Mitglied der Akademie „Alfonso X el Sabio“, Ehrendoktor der Universität von Murcia, wurde 1986 mit dem „Premio Nacional de Música“ von Spanien ausgezeichnet und einstimmig in die „Real Academia de Bellas Artes de San Fernando“ gewählt.

 

Nach 1993 musste Narciso Yepes krankheitsbedingt kürzertreten. Sein letztes Konzert gab er am 1. März 1996 in Santander (Spanien).

Ein Jahr darauf verlor er seinen langen Kampf gegen den Krebs.

 

 

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1     Musical America
2     El Mercurio, Santiago de Chile
3     Journal de Genève, Geneva
4     The Times London, 22 May 1965
5     Klassische Musik: Der Begleiter des Zuhörers von Alexander J. Morin, Harold C. Schönberg

6     American Record Guide; Steven Rings; 1 September 2003
7     Musical America Dec. 1964

 

Weitere Interpretationen auf diesem Blog: Concierto de Aranjuez

 

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