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Alirio Díaz

Alirio Díaz

Im Hochland von Carora konnte man bis vor einigen Jahren einen Mann beobachten, der im Morgengrauen auf den Feldern stand und dem Gesang der Vögel lauschte. Ein einsamer Mensch vielleicht, der auf das Wehen eines Blattes sah, dem Flug des Kondors folgte und um sich eine Mauer des Schweigens schuf.

Von Weitem sah er aus wie ein einfacher Bauer, zufrieden mit sich selbst, der Gottes schöne Natur betrachtete und auf ein ruhiges Alter im Kreise seiner Enkel sah.

Fremde verirrten sich kaum je an diesen Ort, und die Anwohner wussten, wer er war. Einer der ihren, vom gleichen Blut, der sich aufgemacht hatte, um die Welt da draußen zu erobern. Und der trotzdem immer wiederkehrte, auf diesen Fleck, der seine Heimat war.

 

Alirio Diaz galt vielen als Horowitz der Gitarre. Ein blendender Virtuose, einer der großen Interpreten des 20. Jahrhunderts, dessen Spiel sich vollkommen von dem seiner Zeitgenossen unterschied.

Wer ihn einmal auf dem Weg zur Bühne sah, mit dem wiegenden Schritt eines urtümlichen Bauern, der war überrascht von seinem Spiel, in dem sich die urtümliche Kraft seiner Heimat mit einer Noblesse vereinte, die selten ist auf unserem Instrument.

Wer aber war er, der Mann, der von sich selber sagte, dass er aus der Stille kam? Und der immer wieder in die Stille flüchtete, an die Orte seiner Kindheit?

Wer war dieser Mann, und woher kam er?

 

Es braucht Ausdauer und Mut, um bis nach La Candelaria vorzudringen. Vor allem aber braucht es eine Straßenkarte, ein Auto mit guten Stoßdämpfern und einige Flaschen kalten Wassers.

Denn es ist auch heute noch ein Abenteuer, dieser Straße zu folgen, an deren Ende man nur eine kleine Gruppe von Häusern findet, die sich trotzig gegen den Lauf der Welt zu stemmen scheint.

Es ist ein stiller Ort, ein Ort, von dem die Einheimischen sagen, dass hier sogar die Ziegen verrückt werden, weil schon deren Vorfahren die letzten Blätter von den Bäumen gefressen haben.

 

Und trotzdem ist es ein Ort, der den Menschen eine Heimat gibt. Ein Ort, an dem sie ihre Kinder gebären, an dem sie alt werden und schließlich sterben.

Genauso, wie es auch Alirio Diaz vorbestimmt schien, der hier am 12. November 1923 als Sohn armer Landarbeiter das Licht der Welt erblickte.

 

Es war eine dunkle Welt, in die er geworfen wurde.

Denn Venezuela war ein armes Land, und die Ärmsten der Armen waren die einfachen Menschen auf dem Lande, die nicht selten von der Hand im Munde lebten.

Schon die Kinder mussten von früh bis spät auf den Feldern arbeiten, um Mais und Kartoffeln anzupflanzen oder bei der Versorgung der wenigen Schweine und Ziegen zu helfen. Und trotzdem gingen sie meist mit knurrenden Magen zu Bett.

 

Aber so arm die Menschen auch waren, so liebten sie es doch, zu lachen und zu singen. In jedem Haus fand sich ein Instrument, sei es ein Cuatro, eine Geige oder eine Maracas. Sogar Gitarren und Bandolinen waren zu finden.

Und so waren die wenigen freien Tage, die Sonntage vor allem, voller Tanz und Musik, die das harte Leben erhellten.

Ein solch frühes Eintauchen, ein solch natürliches Aufwachsen mit der Musik seiner Heimat war ein Segen für einen Musiker, der später zu einem der wichtigsten Interpreten südamerikanischer Musik werden sollte.

 

 

Schon im Alter von acht Jahren machte Alirio seine ersten Versuche auf der Cuatro und von seinem Onkel, der ihm auch das Lesen und Schreiben beibrachte, lernte er das Gitarrespiel. Dabei legte er einen solchen Eifer an den Tag, dass er schon bald mit anderen Musikern auftreten und so ein wenig zum Unterhalt der Familie beitragen konnte.

 

Doch wie sehr muss in diesen Jahren ein noch stärkerer Funke in dem kleinen Jungen geglüht haben, denn überall suchte er nach Büchern, nach Lektüre, um seinen noch unausgereiften Geist zu füttern.

In einer Kiste seines Großvaters fand er endlich Stoff zum Träumen. Dantes „Göttliche Komödie“ fiel ihm in die Hände, die er auswendig lernte. Und, frühes Omen für seinen weiteren Weg, die Gitarrenschule von F. Carulli.

Aber trotz dieser kleinen Lichtpunkte bestand sein Leben in erster Linie aus harter Arbeit und einer Armut, die ihn hinderte, mit den engen Grenzen des Althergebrachten zu brechen.

 

Doch eines Tages beschloss er, es einigen Freunden gleichzutun und seine Heimat zu verlassen.

Doch während es sie auf die Ölfelder Zulias zog, um dort reich zu werden, wollte er nach Carora, der einzigen Stadt die er kannte, die seinen Hunger nach Wissen stillen konnte.

Und so packte er, erst sechzehn Jahre alt, in aller Stille seine Sachen und schlich sich aus dem Hause seiner Eltern, um für lange Jahre nicht mehr zurückzukehren.

 

Der erste Schritt in die Freiheit war getan, doch die fremde Stadt wartete nur mit einer neuen Enttäuschung auf ihn. Für sie war er nur einer der zahlreichen Jungen vom Lande, einer der Namenlosen, die auf ein besseres Leben innerhalb ihrer Grenzen hofften.

Um zu überleben besorgte ihm einer seiner Brüder, der hier sein armseliges Brot als Typograf verdiente, er eine Stelle als Kartenabreißer in einem Kino. Doch die Bildung und Kultur, nach der er sich so sehnte, war ihm immer noch verwehrt.

Da las er zufällig in einer Zeitung, dass der Staat Stipendien an talentierte junge Menschen vergab. Noch am selben Tag traf er Vorbereitungen zu einer Reise, auf der er den Staatspräsidenten persönlich sprechen wollte.

Durch seine Hartnäckigkeit schaffte er es bis in das Büro seines persönlichen Sekretärs, doch just an diesem Tag war der Präsident zu einer Reise durch sein Land aufgebrochen und daher nicht zu sprechen.

So kehrte er fürs Erste um, fest entschlossen, es bald wieder zu versuchen.

 

Doch dann geschah einer jener Zufälle, die auch dem größten Spötter eine Ahnung von der Vorherbestimmung alles Lebens geben könnten.

Der berühmte Journalist Chío Zubillaga hörte den jungen Alirio auf der Gitarre fantasieren und sagte zu ihm: „Geh nicht nach Barquisimeto. Du musst ein großer Künstler werden. Geh nach Trujillo, um Musik zu studieren.“

 

 

A. Diaz hörte auf diesen Rat. Ausgestattet mit einem Empfehlungsschreiben machte er sich auf die Reise und wurde von Laudelino Mejias, dem Direktor der Anstalt, willkommen geheißen.

In den nächsten Jahren bekam er hier nicht nur eine umfassende musikalische Ausbildung, sondern er hatte endlich Zugang zu der Bildung, nach der er sich so lange gesehnt hatte.

Doch war diese Zeit weit härter als es sich in der Rückschau darstellt. Denn mit der Erlaubnis, die Schule zu besuchen, war kein Stipendium verknüpft und so musste er während all dieser Jahre Tag für Tag acht Stunden in einer Druckerei stehen, um für sein tägliches Brot zu sorgen.

 

Während all dieser Jahre verdichtete sich sein Wunsch, Musiker zu werden und die Gitarre zum Mittelpunkt seines Lebens zu machen.

Doch Laudelino mahnte ihn, sich Zeit zu lassen: „Warte. Ich weiß, wann Du gehen musst, damit Du weiter studieren kannst und zu dem wirst, was ich gerne geworden wäre.“

Dieser Augenblick schien 1945 gekommen zu sein.

 

 

Alirio war nun 22 Jahre alt, ein junger Mann, ausgestattet mit einem neuen Selbstbewusstsein und der Gewissheit, dass er für die Gitarre bestimmt war. Außerdem wusste er, wie stark er arbeiten konnte und war bereit, sein Leben einzusetzen, um die Grundlagen der klassischen Gitarre zu erlernen und dieses Instrument zu beherrschen.

Für einen jungen Mann mit diesem Ehrgeiz war Raúl Borges der richtige Lehrer. Ein Freund von Agustín Barrios Mangoré und Antonio Lauro war er selbst Komponist und ein bekannter Virtuose, durch dessen Hände die besten Virtuosen Venezuelas gingen.

Der begnadetste unter ihnen war sicher Alirio Diaz, und unter seiner Führung gelang es ihm, das Instrument vollendet zu beherrschen.

 

Nun endlich, nach langen Jahren des Lernens und des Kampfes, sollte all die Arbeit endlich Früchte tragen. Am 12. Februar 1950 debütierte A. Diaz in Caracas mit Werken von Heitor Villa-Lobos, Johann Sebastian Bach und Manuel María Ponce und wurde von der Kritik als neuer Stern am Gitarrehimmel gefeiert.

Um sich künstlerisch weiter zu entwickeln, schloss er seine Studien ab und plante, nach Europa zu reisen. Diesmal gewährte ihm der Staat ein Stipendium und im selben Jahr reiste er nach Spanien, um bei Sáinz de la Maza zu studieren.

 

 

Doch auch hier hielt es ihn nicht lange. Als er erfuhr, dass Andrés Segovia, den er schon in Venezuela bewundern durfte, einen kleinen Kreis von Schülern um sich versammelte, machte er sich wieder auf die Reise.

Segovia war sofort von ihm begeistert. Dabei war es nicht nur seine makellose Technik und sein umfangreiches Repertoire, sondern auch, dass er sich anhand einiger Schallplatten des Meisters Stil komplett zu eigen gemacht hatte.

Segovia sollte ihn später als einen der besten Schüler bezeichnen, den er je unterrichtet hatte und als eines der größten Versprechen an die Welt der Gitarre.

 

In den folgenden Jahrzehnten sollte A. Diaz dieses Versprechen einlösen. Er konzertierte auf allen wichtigen Bühnen der Welt und eroberte mit seinem Spiel die Herzen zahlloser Menschen.

Nicht ohne Grund scheint mir sein Name im Pantheon der größten Interpreten der klassischen Gitarre eingraviert.

 

Aber noch lieber als dieses Bild ist mir der Gedanke an den einsamen Menschen. An den Menschen, der früh am Morgen auf den Feldern seiner Heimat steht und auf die leise Stimme in seinem Inneren hört.

Um daraus seine Musik zu erschaffen.

 

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Die Geschichte der Gitarre

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