Select Page

Ida Presti

Ida Presti

Die als Yvette Ida Montagnon geborene Ida Presti (1924 – 1967) gilt ihren Bewunderern als die größte Gitarristin aller Zeiten.

Schon ihr Vater war ein passionierter Musikliebhaber, der in seiner Freizeit von Fest zu Fest eilte, um dort zum Tanz aufzuspielen. Als es ihn eines Abends in ein Konzert von A. Segovia verschlug, war er von dessen Spiel so erschüttert, dass er beschloss, sein Kind ebenfalls zu einem „großen Gitarristen“ zu machen.

So begann, noch bevor Ida geboren war, sich selbst das Gitarrenspiel beizubringen, um sein Kind später unterrichten zu können.

 

Schon als kleines Kind setzte er Ida ans Klavier und begann sie systematisch an der Gitarre auszubilden, vornehmlich anhand der Schallplatten von A. Segovia. Dabei achtete er vor allem darauf, ihr die nötige Disziplin einer Virtuosin anzutrainieren, indem er sie zu stundenlangem Üben anhielt.

Eine Tortur, die I. Presti später zu der Aussage verleitete: „Eine Kindheit habe ich nie gehabt.“

Aber trotz allem schien sie ihren Vater sehr geliebt zu haben und lernte von ihm so viel, dass sie bis an ihr Ende keinen anderen Lehrer mehr hatte.

 

Zusätzlich zu dieser harten Ausbildung schien sie ein natürliches Talent für die Gitarre zu besitzen, denn sie machte so rasche Fortschritte, dass sie bereits im Alter von zehn Jahren ihr erstes Konzert gab und die einzige Künstlerin war, die schon als Kind in der „Société des Concerts du Conservatoire“ und „Les Concerts Pasdeloup“ spielte.

 

Die Kritiker überschlugen sich vor Begeisterung.

„Schon mit zehn Jahren hat sie eine sichere Technik … ihr voller Ton und die Vielfalt der möglichen Klangfarben ist äußerst bezaubernd …“ („Le Figaro“, 1935).

„Ein angeborenes Gefühl für die Musik, ein außerordentliches Rhythmusgefühl.“  („Aux Ecoutes“, 1935).

„La Presse“ erklärte: „Ida Presti ist momentan die jüngste, erstaunlichste und vielversprechendste junge Gitarrenvirtuosin.“

Selbst Emilio Pujol nannte sie 1935 ein „Wunder an Gewandtheit und Grazie“.

 

Als sie dreizehn Jahre alt war, spielte sie für den damals schon weltberühmten Andres Segovia. Seine lapidare Meinung war: „Ich kann ihr nichts mehr beibringen … sie sollte von keinem Gitarristen mehr Ratschläge annehmen.“

 

Doch im selben Jahr hatte sie auch die schwerste Krise ihres Lebens zu meistern. Ihr Vater starb und ab diesem Zeitpunkt war sie alleine für ihre Familie verantwortlich. So war sie gezwungen immer wieder aufzutreten und sich und ihre Angehörigen mit den spärlichen Einnahmen über Wasser zu halten.

Auch die Kriegsjahre und die Jahre danach waren voller Schwierigkeiten. Doch gibt es aus dieser Zeit kaum Aufzeichnungen, denn Ida Presti zog es vor, über diesen Teil ihres Lebens zu schweigen.

 

1938, dem Jahr, in dem sie ihre erste Schallplatte einspielte, erschien in der Zeitschrift „Rhythm“ ein Artikel mit dem Titel „Eine Wunder-Gitarristin“, in dem A. P. Sharpe die Frage aufgriff, ob es irgendwo in Spanien einen besseren Gitarristen als Segovia gebe.

Sein Fazit war: „Hier ist der bessere Gitarrist. Es ist ein Kind von vierzehn Jahren.“

 

Auf dieser Aufnahme spielte sie das übliche Standardrepertoire ihrer Zeit: Werke von Robert de Visée, verschiedene Sätze aus den Suiten J. S. Bachs, einen Teil der Sonatina von F. Moreno-Torroba und ähnliches mehr.

Bemerkenswert ist vor allem die Aufnahme der „Serenata Espanola“ von Joaquín Malats. Heute wird das Stück nur noch selten aufgeführt, denn es ist unmodern geworden, sich mit Salonmusik zu beschäftigen.

Aber zu unserem Glück haben sich bedeutende Interpreten wie J. Bream oder A. Diaz dem Stück angenommen und auch vom Komponisten persönlich liegt eine Aufnahme vor.

 

 

Ida Presti spielte das Stück ganz im Sinne ihrer frischen, unbefangenen Art. Natürlich war sie nicht frei vom Zeitgeist und interpretierte das Werk mit dem damals üblichen Pathos und einem Übermaß an Glissandi und agogischen Verzerrungen. Aber trotzdem klingt ihr Spiel an keiner Stelle gekünstelt oder aufgesetzt.

Vor allem aber würde niemand erwarten, dass diese reife Interpretation in den Händen einer Vierzehnjährigen entstanden ist.

 

Mit Neunzehn heiratete sie Henry Rigaud und ein Jahr später wurde ihre Tochter Elisabeth geboren.

Gemeinsam wohnten sie in Südfrankreich, in der Nähe von Marseille, wo sich Ida um ihre Tochter und ihre jüngere Schwester kümmerte und zahlreiche Konzerte gab.

 

In dieser Zeit begann sie sich langsam aus dem starren Korsett zu befreien, in das ihr Vater sie gezwungen hatte. Immer stärker setzte sich ihr angeborenes Naturell durch und sie liebte es, bis tief in die Nacht improvisierend an ihrer Gitarre zu sitzen und für ihre Freunde zu singen. Es waren diese Erfahrungen mit dem Gesang und der menschlichen Stimme, die ihr später immer als Ideal der Phrasierung vorschwebten.

In ihren Zwanzigern erstaunte die „Weibliche Mozart“, wie Kritiker sie mittlerweile nannten, das Publikum laufend durch ihr wunderbares Spiel und ihre jugendliche Ausstrahlung. Sie konzertierte nicht nur in den großen Konzertsälen, sondern bereiste auch zahlreiche kleine Provinzstädte, vor allem in Frankreich.

Im Jahr 1948 wurde sie für die französische Erstaufführung des „Concierto de Aranjuez“ ausgesucht und erstmals live im Radio übertragen. Der Erfolg war so überwältigend, dass sie eine eigene Rundfunksendung bekam, „Notes sur la Guitare“, was der Gitarre einen völlig neuen Kreis an Bewunderern erschloss.

 

Nach dem Zweiten Weltkrieg, ihre Ehe war mittlerweile geschieden, war sie ein gern gesehener Gast im Haus von André Verdier, einem Gitarrenliebhaber, dessen Haus Treffpunkt der „Les Amis de la Guitare“ (Freunde der Gitarre) war.

Viele Musikliebhaber pilgerten dorthin, nur um Ida Presti spielen zu hören. Unter ihnen war auch ein neuer Bewunderer Prestis, der italienisch griechische Gitarrist Alexandre Lagoya.

 

A. Lagoya wuchs in Ägypten auf und trat im Alter von 13 Jahren das erste Mal öffentlich auf. Später ging er nach Europa, wo er hunderte Konzerte gab.

An einem dieser Abende hörte ihn Ida Presti: „Das ist der beste Gitarrist, den ich je gehört habe.“ Interessanterweise hatten die beiden unter völlig verschiedenen Umständen eine ähnliche Technik entwickelt.

Nach ihrem ersten Kontakt im Hause Verdiers ließ ihr gemeinsames Interesse an der Musik bald eine tiefe Zuneigung entstehen und so wurden sie zum Traumpaar der Gitarrenszene.

 

Nachdem sie Alexandre Lagoya geheiratet und ihr zweites Kind Sylvain bekommen hatte, entschied sich Ida, ihre Solokarriere aufzugeben und nur noch gemeinsam mit ihrem Mann aufzutreten.

Frucht ihrer gemeinsamen Arbeit war das bedeutendste Gitarrenduo in der Geschichte des Instruments, das Vorbild wurde für alle nachfolgenden Generationen. Selbst die Brüder Assad mussten zugeben, dass sie ihr Repertoire ursprünglich auf dem von Presti / Lagoya aufgebaut hatten.

 

Eines der frühesten gemeinsamen Konzerte fand am 24. Juli 1956 beim Musikfestival in Aix-en-Provence statt. Es wurde im Rundfunk in verschiedenste Länder Europas übertragen und war ein solch durchschlagender Erfolg, dass sie sich dranmachten, die Bühnen dieser Welt für die Gitarre zu erobern.

Bald hatten sie eine unüberschaubare Menge an Bewunderern und spielten in den wichtigsten Konzertsälen Europas und Amerikas.

Die Presse war in ihrem Lob einmütig: „Bemerkenswert“ (Washington Post), „Dynamisch“ (New York Times), „Ein Schock“ (San Francisco Chronicle), „Eines der Weltwunder“ (Le Combat, Paris).

 

In ihren letzten Jahren begann Ida, gemeinsam mit ihrem Mann an der Academie International d’Été in Nizza zu unterrichten. Dabei war sie, nach einhelliger Meinung ihrer Schüler, eine großartige Lehrerin.

Der Gitarrist Aaron Skitri gibt uns folgenden Grund: „Immer, wenn sie einen begabten Schüler mit ausgeprägter musikalischer Persönlichkeit unterrichtete, hat sie ihn das machen lassen, was er wollte und in seinen eigenen musikalischen Ideen bestärkt.“

Wie weit war sie damit ihrer Zeit voraus! Presti war keine Lehrerin der „alten Schule“ die dem Schüler vorschrieb, wie ein Musikwerk zu interpretieren sei, sondern war glücklich, wenn sie ihm assistieren und auf seinem Weg begleiten konnte.

 

Am 24. April 1967 starb Presti im Alter von nur 42 Jahren an einem Lungentumor.

 

Ihr unerwarteter Tod schockierte die Musikliebhaber weltweit und beraubte der Gitarrenszene eines ihrer wichtigsten Mitglieder.

Die Nachrufe auf sie lassen uns nur ahnen, was wir durch ihr frühes Dahinscheiden verloren haben.

 

„Sie hat mich gelehrt, dass die Gitarre Musik ausdrücken kann, nur Musik.“ (Pierre Petit)

„Große, reine, wunderbare Künstlerin.“ (Daniel Lesur)

 „Für kurze Zeit haben wir ein Genie unter uns gehabt und es ist beinahe unmöglich, während unseres Lebens noch eines dieser Art zu treffen.“ (John W. Duarte)

 

Alexandre Lagoya sagte über sie: „Empfindsam, gefühlvoll, leidenschaftlich, mit extremer Ernsthaftigkeit – sie war ein Genie. Mich haben in meinem ganzen Leben keine Gitarristin und kein Gitarrist so bewegt wie sie. Sie war die Musik in Persona. Ich glaube daran, dass sie der beste Gitarrist unseres Jahrhunderts gewesen ist. Sie war etwas Unerklärliches.“

 

Leave a reply

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Kultur App

Werft auch einen Blick auf meine Kultur App!

Täglich neue Beiträge zur Geschichte Europas, zur Literatur, klassischen Musik, bildenden Kunst und sonstigem mehr.

Die Geschichte der Gitarre

Besucht auch meinen Blog zur europäischen Kulturgeschichte!

Letzte Videos

Loading...

Blogverzeichnisse

Blogheim.at Logo