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Giulio Regondi

Giulio Regondi

Die Romantik. Dunkle Wälder, wilde Schluchten, das sturmumtoste Meer. Inmitten dieser Urgewalt steht plötzlich der einsame Mensch, frierend im Nebel einer neuen Zeit.

Die Romantik. Hochzeit der Gefühle. Liebe, Verzweiflung, Freude, Trauer und Leid waren dem Einzelnen selten so nah wie in dieser Epoche.

Die Romantik. Wer von uns verbindet kein bestimmtes Bild mit diesem Wort? Es war eine neue Zeit, die alles war in Änderung begriffen.

Auch in der Musik. Nie gesehene Gestalten stürmten auf die Bühne. Umgeben von einer dunklen Aura funkelten sie im Scheine einer nie zuvor gehörten Virtuosität.

Wer kennt sie nicht? Paganini, Liszt, Chopin und viele andere. Heroen einer ganzen Generation. Wunderkinder sie alle, früh gezeichnet mit dem Kainsmal, lebten sie ohne Netz und doppelten Boden und gaben einer bürgerlichen Welt den Kitzel der Gefahr, nach dem diese so dringend verlangte.

Unter ihnen auch ein kleiner Junge aus Frankreich, der mit einem unvollkommenen Instrument die Bühnen seiner Zeit erobern sollte und zu einem der wichtigsten Vertreter der romantischen Gitarre wurde: Giulio Regondi.

 

Schon seine Kindheit klingt wie von Ch. Dickens erfunden. 1822 in Genf geboren starb seine Mutter bei seiner Geburt und so zog ihn ein Mann auf, der sich als sein Vater ausgab. Ohne jemals die Gewissheit zu erlangen, ob sie wirklich durch Blutsbande verbunden waren, war er für lange Jahre hilflos an ihn gekettet.

Giuseppe, so sein Name, hatte schon früh beschlossen, aus Giulio ein Wunderkind zu machen, mit dem sich gutes Geld verdienen ließ. Unerbittlich trieb er ihn zur Gitarre, schloss ihn tagsüber in sein Zimmer ein, wo er, überwacht von einer mürrischen Nachbarin, stundenlang die immer gleichen Fingerübungen durchexerzieren musste.

So konnte er Giulio schon mit fünf Jahren auf die Bühne setzen und einem staunenden Publikum „sein“ Wunderkind präsentieren.

 

 

Um noch mehr Geld aus seinem Sohn zu schlagen, brachen sie ihre Zelte in Lyon ab und versuchten ihr Glück in Paris.

Innerhalb kürzester Zeit hatte der kleine Junge auch hier durchschlagenden Erfolg. Er wurde in die bedeutendsten Konzertsäle geladen, hatte großen Anklang bei Kritik und Publikum und selbst N. Paganini und F. Liszt begannen, sich für den Knaben zu interessieren.

Auch in den Kreisen der Gitarreliebhaber war man bezaubert von seiner Erscheinung. Fernando Sor, der dem „Infant Paganini“ in väterlicher Neigung zugetan war, widmete dem achtjährigen „Jules Regondi“ seine Fantasie „Souvenir d’amitié“ op. 46.

 

Doch noch immer hatte sein Vater nicht genug. Auf der Suche nach neuen Einnahmequellen zog es ihn über den Kanal und im Mai 1831 trafen sie in London ein, eine der führenden Musikhauptstädte der damaligen Zeit.

Giulio debütierte hier zusammen mit Catherina Josepha Pelzer, einem weiteren Wunderkind, das später als Madame Sidney Pratten die Doyenne der viktorianischen Gitarrenwelt werden sollte.

Um die beiden Kinder auf der Bühne besser sichtbar zu machen, musizierten sie stehend auf einem Tisch. Spielte Regondi allein, wurde sein Stuhl zuweilen auf dem Klavier platziert. All das von einem Vater arrangiert, der so noch mehr Aufmerksamkeit auf seinen Jungen lenken wollte.

Natürlich war das Publikum von diesen Auftritten begeistert und die Presse überschlug sich in Lobeshymnen. Selbst in den Buckingham Palast drang der Ruf dieses Wunderknaben und so durfte er schließlich vor der Königin spielen, die, wie alle Welt, von dem mittlerweile Achtjährigen bezaubert war.

 

In der englischen Presse setzt ein Strom an positiven Kritiken ein, die seinen Namen bis in die letzten Winkel der britischen Insel bekannt machte.

„Ein weiteres Wunderkind! Ein wirklicher Paganini („The Infant Paganini“). Ein Kind, das Gitarre spielt. Ein Journalist fand heraus, dass dieses musikalische Phänomen zum ersten Mal im zarten Alter von acht Jahren in London aufgetreten war. Selbst der „Figaro“ und „Le Journal des Débats“ sprechen begeistert von ihm. Sie sagen, dass neben einer Virtuosität, die normalerweise in nicht weniger als 20 Jahren Arbeit erworben werden kann, dem jungen Mann, der mit Selbstvertrauen spielt, die Kunstfertigkeit und das Gefühl eines reifen Künstlers nicht fehlen.“

Anscheinend waren es schon in diesem Alter Ansätze echten Künstlertums, die ihm, mehr noch als seine Virtuosität, solches Lob einbrachten. Der „Spectator“ schrieb:

„Dies ist jedoch der mechanische und daher der am wenigsten wichtige und interessante Aspekt seines Spiels. Es ist bekannt, wie viel mit Hilfe unermüdlichen Unterrichts mit einem fügsamen Kind erreicht werden kann. Aber niemand, der dieses einnehmende kleine Wesen beobachtet, wer die Veränderung sieht, die sein Antlitz im Spiel durchmacht, wie er es mit kindlicher Einfachheit genießt zu musizieren, kann übersehen, dass die Natur ihm viel mehr gegeben hat als ein biegsames Temperament und eine starke Hand. Während er spielt, nimmt sein schönes Gesicht den Ausdruck eines reifen Mannes an und es ist unmöglich, nicht zu sehen, dass er alles was er spielt mit seinem Gefühl durchdringt.“

 

Getragen von einer Welle der Begeisterung bereisten Vater und Sohn nun das gesamte Königreich und wurden überall phrenetisch gefeiert.

Nun dürfte der Vater endlich am Ziel seiner Träume gewesen sein, denn eines Tages überreichte er dem Kind eine 5-Pfund-Note und flüchtete mit dem Rest ihres Geldes, angeblich mehreren Tausend Pfund Sterling.

Den erst zwölfjährigen Jungen ließ er allein in der Welt zurück, vielleicht darauf hoffend, dass sich gutmütige Menschen und Musikliebhaber um dieses kleine Genie kümmern würden.

 

Allein gelassen stürzte Giulio in tiefe Verzweiflung, doch durch die mütterliche Fürsorge von Freunden und einer liebevollen Pflegefamilie gelang es ihm, dieses Trauma zu überwinden. Aus dem Wunderkind wurde ein junger Mann, dem es gelang, sein Leid in Musik zu verwandeln und der weiterhin auf bejubelten Konzerten in ganz Europa die Herzen der Menschen eroberte.

 

Schon im Jahr 1840 sehen wir ihn wieder auf einer erfolgreichen Konzertreise auf dem Festland. Zusammen mit dem Cellisten Josef Liedel spielte er unter anderem in München, Frankfurt, Leipzig und Prag. In der letztgenannten Stadt nahm er auch an einem von Clara Schumann organisierten Benefizkonzert zugunsten einzelner Orchestermitglieder teil.

Als er für eine Reihe von Konzerten in Wien weilte, lernte er auch die Gitarren von Johann Anton Stauffer kennen. Begeistert von ihrem Klang erwarb er eine achtsaitige Gitarre, die fortan sein Lieblingsinstrument wurde.

 

Über seine Konzerte in Wien schrieb die „Allgemeine musikalische Zeitung“: „Regondi spielt Guitarre und Melophon in denkbar vollendeter Meisterschaft und singt auf letzterem Instrumente mit einer wahrhaft bezaubernden Lieblichkeit und unbeschreiblicher Zartheit … Die vorgetragenen Solosätze waren auf der Guitarre: Souvenir de Gubellins nach Thalberg, und die Ouverture der Semiramide, vollgriffig, wie vom ganzen Orchester ertönend.“

Interessant ist, dass hier von Regondi nicht nur als einem Gitarrevirtuosen gesprochen wird, sondern er auch als ein Meister auf dem „Melophon“ gilt. Bei diesem handelte es sich in Wahrheit um eine Konzertina, ein neu entwickeltes Instrument, das heute kaum noch bekannt ist.

 

Regondi lernte sie schon 1831 kennen. Mit derselben Besessenheit wie zur Gitarre drängte ihn sein Vater auch dazu, dieses Instrument zu beherrschen.

Schnell entwickelte er eine phänomenale Technik und es gelang ihm, schwierigste Werke, die ursprünglich für Violine oder andere Instrumente komponiert waren, aufzuführen.

Auch er selbst schrieb einige Werke für sie, unter anderem zwei Konzerte und ein Lehrwerk, und es war seinem Wirken zu verdanken, dass dieses Instrument immer beliebter wurde. Sehr zur Freude ihres Erfinders Sir Charles Wheatstone, der später zu einem der einflussreichsten Gönner Regondis werden sollte.

Durch sein unermüdliches Wirken für dieses Instrument wird Regondi auch als „der große Konzertina-Virtuose des 19. Jahrhunderts“ bezeichnet.

 

Um das Jahr 1850 scheint Regondi die Gitarre endgültig zur Seite gelegt zu haben, um sich ausschließlich der Konzertina zu widmen.

Seine Konzerttätigkeit setzte er noch für etwa zehn Jahre fort, wobei er sich nun hauptsächlich auf die Stadt London und ihre nähere Umgebung konzentrierte.  

Nach dieser Zeit zog er sich ins Privatleben zurück und starb am 6. Mai 1872, erst 49 Jahre alt, nach einem langen Krebsleiden. Seine Gebeine ruhen in der „St. Mary’s Cathedral Cemetery“ in Kensal.

 

Regondis Werk für Gitarre ist nicht sehr umfangreich, aber es zeugt vom künstlerischen Wert der Gitarrenmusik auf dem Höhepunkt der Romantik.

Es ist geprägt durch gewagte harmonische Fortschreitungen und gesangliche Melodien und erfordert einen hohen Grad an Virtuosität.

Leider war es lange vergessen und wurde erst in den 80er Jahren des 20. Jhdt. wiederentdeckt. Doch seitdem hat es sich einen festen Platz in den Programmen der führenden Interpreten gesichert und wird immer wieder aufgeführt und neu eingespielt.

 

1990 wurden zehn Etüden veröffentlicht, die mit größter Wahrscheinlichkeit aus seiner Feder stammen und vom amerikanischen Musikwissenschaftler Matanya Ophee in Moskau entdeckt wurden.

„… Diese Etüden sind wirklich hervorragende Beispiele für romantisches Schreiben für die Gitarre, reich an Harmonie und innerer Struktur, verführerisch in der Melodie.

Sie stellen Regondi auf die Liste der besten Komponisten für Gitarre, … Viele dieser Werke könnten leicht mit einer Schöpfung von Liszt verwechselt werden und es ist offensichtlich, dass er wenig Zugeständnisse an die Schwierigkeit der Gitarre machte.“

 

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